Wie ich ja versprochen hatte, hat es lange mit dem nächsten Eintrag gedauert. Doch jetzt sind 3 Wochen Besuchszeit vorbei und es gibt tatsächlich auch wieder was, was ich schriftlich festhalten will. Hab wieder mal neue philosophische Ansichten zum Leben dazu gewonnen und ja auch dieses mal ist es wieder was banales. So wohl Thematik als auch Auslöser. Aber so ist das nun mal wenn man sich tagtäglich stundenlang selbst hinterfragt und die eigenen Handlungen und Denkmuster analysiert. Man hat Einsichten nicht in glorreichen Szenarien.
In diesem Fall hab ich mich schon länger (also schon lange vor diesem Jahr) mit Zufall und Schicksal beschäftigt. Ich versuche schon lange für mich herauszufinden woran ich da eigentlich glaube.
Ich mag Schicksal nicht weil ich die Idee nicht leiden bzw. nachvollziehen konnte das alles vorbestimmt sein soll. Wenn wir keinerlei Einfluss haben kann man sich ja auch gleich sagen ‘Fuck it!’ und nur noch Mist machen weil irgendwie kommt man so wieso dahin wo man hin soll.
Also entschied ich mich so halb auf dem ideologischen Weg zu bleiben das nichts kontrolliert wird. Alles ist Zufall und Chaos. Aber als ich dann Ende August hierher kam und wegen den drastisch anderen Lebensumständen (Ich kannte niemanden, Ich kann die Sprache nicht, Neue in manchen Punkten vollkommen andere Kultur etc.) wie auf einen 2ten Planeten geschmissen wurde, hatte ich die einmalige Chance ALLES, also auch meine Ansichten zu jedem Fitzelchen Lebensphilosophie, neu zu entdecken.
So keimte das Thema ‘Zufall und Schicksal’ (uuuunter anderem) wieder erneut in meinem Schädel und zwischen Patientenakten anlegen, zu Tode schwitzen und im Meer abkühlen gab es tatsächlich immer wieder diese kleinen Momente die meine bisherige Sicht nicht bestätigten. Es geschahen winzige Zufälle deren Eintritt jedoch unheimlich Unwahrscheinlich waren was das Timing anging. Es geht hier nicht um große erleuchtende Momente. Es war einfach so, das sich bestimmte Ereignisse und Gedanken (und anders herum)zeitlich so überschnitten, dass ich unmöglich ein gewisses System, ein Raster, übersehen konnte. Eines dieser simplen Beispiele.
Gerade erst gestern las ich auf facebook eine interessante Neuigkeit über eine Bekannte. Es war ein gutes Stichwort um generell mal anzufragen wie es denn sonst so geht. Also schrieb ich ihr eine private Nachricht. Doch da ich ja meinen ‘Ich brauch keine zwischenmenschlichen Beziehungen die nur auf “Ich meld mich weil du dich meldest / Ich tu jetzt was für dich weil du jetzt was für mich getan hast” basieren’-Trip habe (der aller Voraussicht unbegrenzt andauern könnte) und von dieser Bekannten zuletzt etwas gehört hatte (ca. Anfang des Jahres) weil (so nehme ich misstrauischer Mensch eben an)ich mich gemeldet hatte, löschte ich die Nachricht wieder komplett und schickte somit nichts ab.
Keine 24 Stunden später checke ich mal wieder mein Postfach auf facebook und SIEHE DA. Diese Bekannte, welche sich seit Monaten nicht mehr gerührt hatte, meldete sich einfach so, aber wohlgemerkt nicht mit den Neuigkeiten die mich dazu bewogen hatten ‘Nachforschungen’ anzustellen (falls man jetzt annehmen mag das die Neuigkeiten die ich mitbekommen hatte so unglaublich waren das Sie sie unbedingt selbst mir mitteilen musste).
Diese und wirklich zahllose kleinen Momente gab es beinahe jede Woche bisher und die ersten Monate hab ich sie immer ignoriert weil mich nach wie vor der Zufall sehr ansprach. Doch nach dem heutigen Tag bekam eine These die ich in den letzten Monaten für mich selbst aufgestellt hatte endlich einen Beleg. Klar geht es hier um Lebenseinstellungen und Ansichten also gibts dafür keine mathematisch geltende Belege. Aber es reichte um mir selbst dieses “wissende” Gefühl zu geben.
Bevor ich den Beleg in Form eines weiteren Beispiels erläutere kommt hier besser erst mal in möglichst schlichtem Deutsch mit Satzbaufehlern, fehlenden Satzzeichen und dürftig nachvollziehbarem Gedankengängen die These selbst.
Als ich anfing diese ganzen kleinen Ereignisse nicht mehr nur aus dem Winkel des Zufalls zu sehen bemerkte ich, wenn ich Tages- oder gar Wochenabläufe rekapitulierte das es für mich persönlich einfach zu viel war. Zu viel Zufall um wirklich Zufall zu sein. Dann fing ich an wichtige Dinge/Ereignisse in meinem Leben zu analysieren. Ich suchte nach Auslösern, versuchte Abläufe zu rekapitulieren und Auswirkungen zu erkennen. Wenn ich jetzt gerade so drüber nachdenke dann ist meine Theorie schon eigentlich sehr nahe an der ‘Butterfly Effect’-Theorie. Kleinste Dinge (wie der Flügelschlag eines Schmetterlings) sollen dieser Zufolge letztendlich verantwortlich sein für gigantische Aktionen/Ereignisse dank Kettenreaktionen.
Das halte ich aber so oder so für logisch nachvollziehbar. Der esoterische Aspekt macht meine These dann erst zu etwas anderem. Wie gesagt glaube ich nicht an Schicksal. Ich denke wir können sehr viel, das meiste, kontrollieren und beeinflussen. Allerdings ist meiner neuen Ansicht nach alles in Abzweigungen unterteilt. Und es gibt nicht unendlich viele in jeder Situation, so wie es ja beim Butterfly-Effect theoretisch ist.
Ich glaube wirklich das es für jeden von uns Eckpunkte gibt. Bestimmte Dinge passieren, jedoch gibt es Abzweigungen. Schicksalsfreunde glauben ja platt gesagt: “Das musste passieren, alles ist Teil eines großen Plans” oder so. Findet sich ja auch reichlich in vielen Religionen wieder diese Auffassung.
Ich glaube zwar nun auch das es bestimmte Ereignisse gibt die uns passieren müssen allerdings sieht diese Idee in meinem Kopf aus wie ein Schneeballsystem. Nur weil ich bei A anfange muss ich nicht bei B enden. Dazwischen gibt es eben jene Abzweigungen, Entscheidungspunkte, welche ich nicht vermeiden kann, und erst nach einer Entscheidung gehts wirklich weiter und vllt. kommt man am Schluss bei C raus.
Das klingt eigentlich recht unspektakulär und wer nicht genau hinsieht könnte sicher fagen ‘Wo is da jetzt der Unterschied zum Schicksal oder aber Zufall?’
Der Unterschied ist für mich das Bewusstsein. Das Bewusstsein das ich mich entscheide, mir immer vergegenwärtige wo ich bin und wie ich dort hingekommen bin. Welche Entscheidungen mich zu Punkt B oder C gebracht haben. Ich übernehme Verantwortung und denke nicht das sowieso alles seinen nötigen Weg gehen wird, wie es Schicksal-Theoretiker predigen. Ich steuere zwar fest auf große Entscheidungen und vllt. auch “Schicksalsschläge” zu aber wenn ich einfach nichts tue und nur dumpf vor mich hin vegetiere glaube ich nicht das, dass was dabei am Schluss raus kommt immer noch Schicksal ist. Es gibt also für mich schon so etwas wie ein Raster mit Abzweigungen und Entscheidungen, welche wiederum neue Abzweigungen aufzeigen, und ich glaube einfach das diese Ereignisse die wir als Zufälle bezeichnen nur Ereignisse sind die uns für einen Moment dieses Raster sehen lassen. Es sind aber eben jene Entscheidungssituationen die das Raster definieren. Eine Art Kompromiss zwischen Schicksal und Schmetterling. Nun ich bin nicht sicher ob ich mich damit erklären konnte aber wie immer hab ich es versucht.
Nun noch (schnell) der persönliche Erfahrungsbeleg zur These. Wie mehrfach sind es oft die kleinen Dinge die für mich diese These untermauert haben.
Nun bin ich also 9 Monate in Tansania. Neben Arbeit im Kleinkrankenhaus und als Englischlehrer in der Berufsschule gibt es immer wieder kleine Projekte die über ehemalige Freiwillige möglich gemacht werden. Das Vertrauen unter uns (obwohl wir uns kaum kennen oder noch gar nicht begegnet sind) ist enorm und für mich nur durch die gemeinsame Faszination für dieses Land und seine Leute zu erklären. Nun jedenfalls habe ich mit finanzieller Hilfe meiner Vorgänger schon Maschinen gekauft oder den örtlichen Kindergarten streichen lassen. Bei letzterem wollte ich nun jedoch neben des einfachen Anstrichs noch ein wenig mehr Farbe in den Alltag der Schulkinder bringen in dem ich selbst auch Hand anlege und ihnen ihr Klassenzimmer etwas kindgerechter gestalte. Ich kaufte also zusätzliche Wandfarben und saß die letzten Tage über Skizzen zu Wandmalerei welche schön aber auch das Thema ‘Lernen’ beinhalten sollte. Nun besorgte ich mir heute noch letztes nötiges Material in der Berufsschule des Dorfes und konnte auch eine Leiter organisieren. Als ich dann Nachmittags (Vormittags sind die Kleinen ja im Klassenzimmer) frisch ans Werk wollte kam mir wegen ein wenig Kopfweh und Müdigkeit (es war mal zur Abwechslung wieder unverschämt heiß an diesem Tag) noch die Idee schnell zur örtlichen Tankstelle zu fahren und einen Energydrink zu besorgen. Nach dem ich mich von der Tankstelle auf den Rückweg mache fahre ich wie gewohnt (sowohl in Deutschland seit ich 10 bin als auch in Tansania) freihändig. Die Straße ist nicht allzu stark befahren zwischen dem Dorfkern und meiner Unterkunft und der Seitenstreifen ausreichend groß.
Den Risikofaktor den ich jedoch nicht bedacht hatte hörte auf meinen eigenen Namen. Die letzten Tage war wieder viel zum nachdenken parat gewesen weil mein veränderter Umgang mit meinen Mitmenschen mich Dinge machen lässt die manch einer vllt. nicht so beglückwünscht. Kurz um hatte ich mich nach allgemeiner deutscher Definition zum Idioten gemacht und das allein wäre genug zum analysieren und Hirn zermartern gewesen. Jedoch fand ich es ratsam auch noch kurz vor meiner kleinen Fahrradtour wiederholt Kubrick’s “Eyes Wide Shut” eine Chance zu geben. Ich mochte den Film dieses mal deutlich mehr jedoch warf er erneut einige Fragen für mich auf welche mich grübeln ließen. So hatte ich als Filmnerd also nun wirklich genug Stoff um nur mit der aller nötigsten Aufmerksamkeit die Straße entlang zu rollen.
Zurück gespult auf 7:30 Morgens: Als ich mein Zimmer verließ, welches ich wie gewohnt mit der rechten (meiner Schreibhand)Hand zu schloss und somit logischer Weise den Schlüssel auch in die rechte Hosentasche packte, bemerkte ich das meine neue Hose, die ich auf Sanzibar erworben hatte, sehr tiefe Hosentaschen hatte. Da ich wusste das ich jeden Morgen einen kleinen Kanister mit einem rutschigen Plastikgriff voll Trinkwasser in mein Zimmer zurück tragen würde nahm ich den Schlüssel und packte ihn in die linke Hosentasche. Da ich mit der rechten Hand mehr Kraft in den Fingern habe wollte ich später nicht ewig mit der linken Hand in der unendlich großen rechten Hosentasche herum suchen während ich doch dieses randvolle Gefäß mit der rechten Hand trug. Ja soweit hab ich gedacht aber wie ein geduldiger Mensch dieses Gefäß einfach abzustellen um in aller Ruhe den Schlüssel mit Rechts zu suchen kam mir nicht einmal Ansatzweise in den Sinn. So tat ich wie vorher überlegt und damit blieb der Schlüssel auch später in meiner linken Hosentasche, was sonst nicht der Fall ist.
Wieder nach Vorne um die Nachtmittagszeit: Ich fahre also freihändig mit einer offenen Dose RedBull durch den Dorfkern und während meine Gedanken wahrhaftig überall sind nur nicht bei dem Gedanken ‘Welches Fahrrad hast du heute aus dem Dispensary ausgeliehen?’ steuere ich zügig auf einen Speedbump zu. Speedbumps sind eine Ansammlung von 3 – 4 kleinen Teerhügeln die schnell aufeinander folgen und von Straßenarbeitern bewusst in die Straße gebaut und markiert werden um Autofahrer zu zwingen nicht ganz so schnell durch Ortschaften zu fahren. Sie werden einmal quer über die ganze Fahrbahn gebaut.
Was war mit dem Fahrrad? -> Ich fuhr die letzten Tage immer mit einem Fahrrad dessen Vorderbremse selbst beim vollem Zug nur sehr zögerlich und dadurch sanft bremste. An diesem “schicksalhaftem” Tag jedoch sitze ich auf einem anderen Drahtesel weil der gerade auffindbar war. Normalerweise benutze ich so oder so wie jeder normale Mensch die Hinterbremse doch da ich in meiner rechten Hand das Redbull hielt um zu trinken waren nur die Griffel am linken Arm frei.
Schließlich hüpfe ich über die 4 kleinen Hügel welche mich jedoch mehr als sonst zum schütteln brachten wodurch sich mein Gleichgewicht verlagert und ich mit dem Fahrrad (immer noch freihändig) von der Fahrbahn Richtung Schotterweg abdrifte, welcher durch eine klare hohe Kannte vom Asphalt getrennt ist. Diese Kante würde mich zu 100 % vom Fahrrad werfen. So viel peilt mein Gehirn noch und gibt halbherzig meiner linken Hand den Befehl schnell hart die Vorderbremse zu ziehen. Das ‘hart’ gibt mein Gehirn nur weiter weil es gerade zu beschäftigt mit Eyes Wide Shut ist um nachzuschlagen auf welchem Fahrradmodell ich denn gerade sitze. Ich ziehe also die vordere Handbremse hart an und zum ersten mal (nach vielen Fahrradunfällen in meiner Kindheit) in meinem Leben schleudert es mich vorne über den Lenker. Mit einer Slowmotion-Kamera muss es ein Anblick für Götter gewesen sein wie ich, für Außenstehende ohne sichtbares Hindernis, über das Fahrrad fliege, dieses jedoch dank Flip-Flops, welche sich auf unerklärliche Weise sehr fest in den Pedalen verhedderten, hinter mir hochgezogen wird und mit mir meinen kurzen Superman-Rundflug antritt. Beim Aufschlag stütze ich mich beiden Händen ab jedoch erwischt es nur die linke Hand wirklich fies weil ich mich nach links abrolle. Eine Sekunde bleibe ich wohl reglos liegen. Schmerz spüre ich keinen bisher. Ich richte mich flott auf und das erste was ich tue ist nach zu sehen ob meine neue Hose von Sanzibar aufgeschürft ist.
Oh JA Gott sei dank nicht! Es ist direkt durchgegangen und nur die Haut am Knie musste leiden. Glück gehabt!
Danach richte ich mich und das Fahrrad wieder auf und während ich vereinzelt Lacher im Dorfkern wahrnehmen kann (später wird man mir berichten das es nicht gegen mich als Weißer ging sonder das, dass immer so ist. Wenn es jemanden auf die Fresse liegt gibts meistens ein paar unbeteiligte die schallendes Gelächter nicht von der Karte streichen können.) fange ich nun an mich zu begutachten. Die linke Hand fängt flott an ordentlich rote Lebensmittelfarbe auszusenden während die rechte nur vereinzelt ein paar blutige Kratzer verursacht durch Kieselsteine vorzuweisen hat. In beiden Fällen betrifft es aber nur die Handflächen also kein Grund zur Sorge. Mein nächster Gedanke gilt dann logischer Weiße meinem Umfeld. Hab ich was verloren beim Sturz? Scheint nicht so. Oh da liegt meine halb ausgelaufene RedBull-Dose zwischen Kieselsteine. 1,25 Euro ist zu viel um die so liegen zu lassen. Also heb ich sie flott auf und stelle mit Freude fest, dass noch ordentlich was zum Verzehr drin ist. Ich schwinge mich wieder aufs Fahrrad und fahre zum Dispensary zur Desinfektion. Freihändig.
Dort angekommen wird auch alles flott verarztet und mir noch mitgeteilt das ich mit der zusätzlichen Kratz-wunde am rechten Fuß jetzt schon sehr nahe dran bin an der gängigen Jesus-Darstellung, da ich den 4 Wochen Bart bereits wohlweislich habe stehen lassen.
…uuund während ich dann dort so sitze geht mir all das durch den Kopf was ich oben geschrieben hatte. Es sind diese kleinen Dinge die für mich Teil des Rasters sind. In 9 Monaten habe ich mir keine Verletzungen zugezogen. Aber an dem Tag an dem ich anfangen will zu malen/zeichnen falle ich mit persönlicher Bestnote vom Fahrrad auf meine Hände.
So ein richtig breites Grinsen huscht aber erst über mein Gesicht als ich 20 Minuten später vor meiner Zimmertür stehe und feststelle das ich nun mit der nur geringfügig verletzten rechten Hand in den unendlichen Weiten meiner linken Hosentasche nach meinem Schlüssel angeln muss.
Es braucht 4 1/2 Minuten bis ich die Tür aufschließen kann.
greetings from apoc @ Where do I begin by Chemical Brothers
hahaha! dank deiner sehr bildhaften erzählweise spielt sich gerade dein sturz per “seitenansicht” vor meinem geistigen auge ab. auf endlosschleife ;)
des muss einfach so genial ausgesehen haben!
zum thema schicksal vs. zufall > hab mir auch schon öfters gedanken drüber gemacht und irgendwie teile ich deine ansicht. ich hasse das prinzip des schicksals aber manchmal ist es einfach zu ‘geplant’ um zufall zu sein.
Geschrieben von adesignaddict | 8. Juni 2011, 01:23Ich persönlich mag die Idee von Schicksal… gibt auch unagenehmen Dingen einen Sinn ;)
Geschrieben von sakral | 13. Juli 2011, 22:02